Zwei Enten landen auf einem kleinen, abgelegenen Weiher.
Sie möchten auf dem Wasser ausruhen und die Nacht dort verbringen. Die Landschaft liegt in tiefer Ruhe. Die Seerosen haben ihre Blüten bereits geschlossen. Wasserflöhe tanzen, einzelne Fische springen und auf dem Wasser treiben winzig kleine Samenkörnern. Jetzt graut der Morgen.
Die Enten schütteln die glitzernden Tauperlen ab und ordnen ihr Gefieder. Noch bevor die Sonne aufgeht, sind die Enten auf dem Weg zu einem anderen See. An ihrem Schnabel und ihrem Gefieder tragen sie viele der winzig kleinen Samen durch die Luft.

In einem dieser Samen erwacht Bewusstsein. Er träumt vor sich hin: “ Ich bin… Ich bin… Ich bin…“

“ Was bin ich?“ – “ Woher komme ich?“
“ Ich fliege… Ich fliege… Wohin?… Es geht schnell… Viel zu schnell…“
“ Wasser! – Wo ist das Wasser? Das Wasser – das Licht – die tiefe Ruhe!“
“ Ich fliege. Ich werde getragen… Ich fliege… Ich werde getragen…“

Die zwei Enten erreichen den See. Sie landen auf dem Wasser in der Nähe des Ufers.

Viele Wasservögel tummeln sich in der strahlenden Morgensonne.
Das Samenkorn fällt aus dem Gefieder der Ente. Eine Zeit lang treibt es auf dem bewegten Wasser umher.
Plötzlich wird es in die Tiefe gezogen. Es sinkt tiefer und tiefer – hinunter in die Dunkelheit – immer tiefer.

Es versinkt im schlammigen Grund des Sees. Es vergisst, wer es ist, es schläft ein.

Das Samenkorn erwacht.

“ Um mich herum ist alles dunkel – alles ist schlammig. Ich bin ganz allein hier. Ich habe Angst. Ich bin traurig“ sagt es zu sich selber.
Da hört es eine Stimme: “hab keine Angst! Ich bin immer bei dir, auch wenn du mich nicht siehst. Du hast alles alte vergessen, damit du das neue sehen kannst. Ich sage dir, wer du bist: du bist eine Seerose. Du trägst sie makellos und vollkommen in dir.
Keiner – und nichts auf der Welt kann diese Seerose werden – nur du selbst.“

“ Was ist das, eine Seerose, makellos und vollkommen?“ Fragt das Körnlein.
“ Eine Blume. Ich kann dir mit Worten nicht sagen, was eine Seerose wirklich ist. Du kannst es erst wissen, wenn du eine Seerose bist. Hab Vertrauen und geh deinen Weg.“

Das Samenkörnchen hört und sieht nichts mehr. Es fühlt nur den Schlamm um sich herum.
“ Alles ist hier schlammig, eklig und dunkel! Ich will weg von hier!“ Jammert es. Alles Jammern und wollen nützt nichts. Es kann nicht weglaufen.

Doch es bemerkt, dass es sich verändert: sein Umfang nimmt zu, ein Keim wächst aus seiner Mitte und eine Wurzel sucht festen Grund.“ Ich muss wohl hierbleiben“ denkt das Samenkorn.“ Vielleicht kann ich ohne diesen Schlamm gar keine Seerosen werden. Der Schlamm ist ja nicht in mir. Er berührt mich nur außen. Er macht mich nicht einmal schmutzig“.

Bei diesem Gedanken wird es froh und ganz ruhig.

Die Wurzel wird kräftiger. Knollen bilden sich. Sie verankern sich tief im Schlamm auf dem Grund des Sees. Der Keim wächst und wächst. In der Höhe wird das Wasser klar.
Und noch etwas Neues entdeckt die Seerose: Fische und Pflanzen. Sie ist nicht mehr allein!
“ Wer seid ihr?“ Ruft sie voller Freude.
“ Wir sind Wasserpflanzen und wer bist du?“
“ Ich bin eine Blume. Eine Seerose. Ich bin makellos und vollkommen“. Gibt sie zur Antwort.
Da lachen alle Wasserpflanzen. Die Fische bleiben stumm, doch sie schlagen erregt mit ihrem Schwanz hin und her.
Die Seerose fühlt sich noch einsamer als damals auf dem Grund des Sees, wo sie ganz allein war. Sie bereut es, dass sie über sich selbst gesprochen hat.
“ Du sprichst eine komische Sprache! Wir können deine Worte nicht verstehen. Du siehst glatt und langweilig aus! So etwas haben wir noch nie gesehen! Wir sind viel schöner als du!“ Hört sie eine Pflanze rufen. Und wieder kichern und lachen alle anderen.

Die Seerosen möchte Weg – weit, weit weg. Aber sie kann nicht. Sie schweigt und denkt nach. “ Sie haben recht, ich sehe glatt und langweilig aus. Ich bin die einzige Seerose hier.
Natürlich – diese Pflanzen und Fische haben noch nie eine Seerose gesehen, wie sollen Sie wissen, wer ich bin. O, ich kann sie gut verstehen…“

Bei diesem Gedanken wird die Seerose wieder ganz ruhig und froh.“ Ich muss so wachsen wie ich wachse. Ich kann auch nicht anders aussehen als so wie ich aussehe. Ich bin eine Seerose und deshalb bin ich so wie ich bin,“ sagt sie freundlich und keiner lacht.

Die anderen Gedanken behält sie für sich.
Die Seerose erkennt, dass sie allein ist, obwohl Pflanzen und Fische um sie herum sind. Sie wird traurig, weil keiner sie versteht. Sie fühlt sich einsam.
Doch eines Tages erkennt sie voll Staunen etwas anderes, etwas wunderbares: alles was sie braucht, um zu sein und zu werden, ist in ihr und kommt aus ihr: die Veränderungen, die Richtung wohin sie wächst, was sie denkt und was sie fühlt. Voller Staunen lässt sie alles geschehen, ohne zu fragen, warum es so ist. Sie vertraut der Kraft, die sie in sich spürt.

Lautlos wächst sie höher als all die anderen Pflanzen.
“ Bleib hier“ rufen diese,“ dort oben verbrennst du!“
“ Es stimmt“, dort oben ist alles zu Ende, dort oben wartet der Tod!“

Die Seerose bekommt Angst, schreckliche Angst. Sie fühlt, dass sie immer höher wachsen muss. Sie kann nicht anhalten.
“ Ich will nicht verbrennen! Ich will eine Seerose werden. Ich habe Angst! Ich will zurück in den Schlamm! – Nein, nein – nicht zurück!“ Denkt sie verzweifelt und wiegt sich im Wasser hin und her. Sie fühlt sich sehr einsam und verlassen. Sie weiß nicht, was sie will. Die Fische und Pflanzen schweigen.

“Ich will eine Seerose werden, weil ich eine Seerose bin! Und ich werde eine Seerose, makellos und vollkommen, weil ich nicht anders kann!“ Ruft sie. “ Wie soll ich jemals wissen, was da oben wirklich ist, wenn ich nicht selbst dort war“.

Alle hören es: die Pflanzen, die Fische, der See. Sie verstehen nicht, was die Seerose meint. Sie bleiben stumm.
“Es ist doch so einfach, ein Fisch, eine Wasserpflanze oder ein See zu sein“ denken Sie.

Nachdem die Seerose diese Worte ausgerufen hatte, fühlt sie sich stark und glücklich. Sie weiß wieder, was sie will.
Auf dem Grund des Sees spürt sie ihre kräftig gewordenen Wurzelknollen. Sie fühlt den langen Stängel, der immer höher strebt und sie ahnt das Geheimnis ihrer Knospe, die sich am Ende des Stängels gebildet hat.
Die Seerose hat ihre Angst überwunden. Voller Vertrauen kann sie wieder geschehen lassen, was immer es ist. Sie erkennt etwas Großes: Wer voll Vertrauen ist, kann keine Angst haben.

Unaufhaltsam strebt sie nach oben. Ihre Knospe schwillt immer mehr an. Das Wasser wird klarer und wärmer. Sie ist voller Unruhe und Ungeduld. Plötzlich – sie ist ahnungslos – es bricht die Spitze der Knospe das Wasser – ein Sonnenstrahl berührt sie. Nie gekanntes Glück durchströmt die Seerose. Sie erzittert bis in ihre Wurzelknollen und möchte im Licht bleiben – doch immer wieder schwappt das Wasser über sie hinweg, immer wieder…

Ich will ans Licht – mit aller Macht. Aber es geht nicht. Dunkelheit breitet sich aus. Die kühle der Nacht liegt über ihr. Sie weiß nicht, was das bedeutet.

“Ich werde warten, was geschieht. Mein wollen nützt mir nichts. Ich werde nur müde davon. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Alles war richtig, so wie es war. Diese Dunkelheit wird wohl auch richtig sein“ denkt die Seerose.
Sie wird ganz ruhig und fühlt sich stark bei diesen Gedanken.

Nach einer langen Nacht voll Sehnsucht nach dem Licht, wird es langsam hell. Es dämmert. Der neue Tag beginnt.
Und plötzlich – ganz unvorhergesehen – bricht die Sonne hervor. Ihre Strahlen und ihre wärme umfangen die Knospe der Seerose.
Wieder erzittert sie bis in ihre Wurzeln.die seerose eine geschichte zum werden im leben
Die Knospe bricht auf. Blatt um Blatt breitet sich aus – ganz von selbst. Und zum ersten Mal blickt die Seerose in die Unendlichkeit des Himmels. Sie streckt ihre Blütenblätter der Sonne entgegen. Sie trinkt das Licht und die Wärme.

Alle Gedanken hören auf. Sie ist nur noch eine Seerose – makellos unvollkommen.

“ Ich bin angekommen – dort – woher ich kam“ flüstert sie.
Und was sie jetzt erlebt, dass erlebt sie ganz bewusst.

Autor unbekannt

 

Keiner – und nichts auf der Welt kann dieser Mensch werden und Sein – nur du selbst.

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